Schlangenschnaps: Zwischen Heilversprechen, Mythos und verbotener Delikatesse

Eine aufrecht stehende Schlange, eingesperrt in einer kegelförmigen Glasflasche, umgeben von einer gelbbraunen Flüssigkeit – manchmal durchbohrt von einer zweiten, dünneren Schlange. Der Hals ist gespreizt wie bei einer Kobra, der Anblick zugleich faszinierend und verstörend. Was für westliche Augen wie ein Kuriosum wirkt, gilt in Teilen Asiens seit Jahrhunderten als Heilmittel, Statussymbol oder besondere Delikatesse: Schlangenschnaps, auch Schlangenwein genannt.

Schlangenschnaps, ein in Vietnam und Südostasien traditionell hergestellter Reiswein mit eingelegten Schlangen, gilt als Heilmittel und Delikatesse, wobei das Gift durch den Alkohol neutralisiert wird und viele der zugeschriebenen Wirkungen wissenschaftlich nicht belegt sind.
Schlangenschnaps, ein in Vietnam und Südostasien traditionell hergestellter Reiswein mit eingelegten Schlangen, gilt als Heilmittel und Delikatesse, wobei das Gift durch den Alkohol neutralisiert wird und viele der zugeschriebenen Wirkungen wissenschaftlich nicht belegt sind.
Foto: CC 2.0 by Ola Hodne Titlestad

Schlangenschnaps, auf Vietnamesisch rượu rắn und auf Chinesisch shéjiǔ, ist ein alkoholisches Getränk, dem ganze Schlangen zugesetzt werden. Bevorzugt kommen Giftschlangen zum Einsatz, da ihnen eine besonders starke Wirkung zugeschrieben wird. Das enthaltene Gift verliert im hochprozentigen Alkohol allerdings seine toxische Wirkung, da die Eiweißstrukturen denaturiert werden. Medizinisch belegte Heilwirkungen lassen sich daraus jedoch nicht ableiten.

Seinen Ursprung hat der Schlangenschnaps in Vietnam, von wo aus er sich über weite Teile Südostasiens bis nach Südchina verbreitet hat. In der traditionellen Volksmedizin wird ihm eine nahezu universelle Heilkraft nachgesagt. Er soll gegen Schmerzen helfen, die Durchblutung fördern, rheumatische Beschwerden lindern und sogar Potenzstörungen beheben. Wissenschaftlich gesichert sind diese Effekte nicht. Viele der kursierenden Versprechen gelten heute als kulturell überliefert oder werblich stark überhöht.

In Vietnam wird am häufigsten die Gelbflecken-Fischnatter verwendet, eine ungiftige Wasserschlange. Um den Eindruck einer gefährlicheren Art zu erzeugen, wird ihre Haut im Nackenbereich oft gedehnt, sodass sie einer Kobra ähnelt. Daneben finden sich auch Wassertrugnattern, Peitschennattern, echte Kobras wie die Monokelkobra oder die Siamesische Speikobra sowie seltener Kraits, Bambusottern oder sogar Pythons. Der Einsatz geschützter Arten ist einer der Hauptgründe, weshalb der Import von Schlangenschnaps in vielen Ländern verboten ist. Artenschutzabkommen wie CITES untersagen den Handel mit zahlreichen verwendeten Schlangenarten.

Grundsätzlich existieren zwei Herstellungsarten. Bei der ersten wird der Körper einer toten Schlange in Reiswein eingelegt und über mehrere Monate gelagert. Häufig werden weitere Tiere wie kleine Schlangen, Schildkröten, Skorpione oder Vögel hinzugefügt, was den symbolischen Wert und vermeintlich auch die Wirkung steigern soll. Die zweite Variante basiert auf frischen Körpersekreten. Dabei werden Reiswein und Schlangenblut oder Gallenflüssigkeit direkt vermischt und meist sofort in kleinen Mengen konsumiert. Diese Form gilt als besonders kräftigend, ist aber aus hygienischer Sicht umstritten.

Schlangenschnaps ist nicht nur kulturell, sondern auch wissenschaftlich von Bedeutung. 1999 entdeckten deutsche Biologen in einer Schlangenschnapsflasche in Mittelvietnam eine bis dahin unbekannte Art. Aufgrund ihres auffälligen Aussehens erhielt sie den Namen Dreihorn-Grubenotter. Der Fund zeigt, dass diese Praxis indirekt auch zur Erfassung biologischer Vielfalt beigetragen hat – wenn auch zufällig.

Eine regionale Besonderheit ist der japanische Habushu von den Ryūkyū-Inseln. Für ihn wird die dort endemische Habu-Schlange verwendet, eine giftige Grubenotter. Auch hier gilt das Getränk als traditionelles Stärkungsmittel, ist heute jedoch stark reguliert.

Ob Schlangenschnaps tatsächlich Kraft verleiht oder lediglich eine exotische Delikatesse darstellt, bleibt eine Frage der Perspektive. Zwischen Tradition, Mythos und moderner Wissenschaft klafft eine deutliche Lücke. Sicher ist vor allem eines: Der Schlangenschnaps erzählt mehr über kulturelle Vorstellungen von Heilung und Stärke als über nachweisbare medizinische Wirkung.

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